Die Zukunft der Arbeit – eine philosophische Landkarte

Written by
Steffen Suepple
Date
30 April 2018
Zukunft der Arbeit

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„Either kind of technological change will extend the range what man can do, which is what technology is all about.“
–Emmanuel Mesthene

Die Vorstellungen, Ängste und Hoffnungen, die wir mit der Arbeit verbinden, sind schon immer eng mit dem Stand der technologischen Entwicklung verknüpft. Im Augenblick erleben wir eine neue Phase technischer Innovation, die im Begriff ist, unsere Lebensumstände radikal zu verändern. Wie sich dadurch unser Bild von Arbeit wandelt, wie Arbeit in Zukunft aussehen könnte und wie sich die Art und Weise, wie wir arbeiten, neu denken lässt, wollen Hauke Behrendt und das Intuity Media Lab in dieser Artikelserie in Form einiger Schlaglichter beleuchten.

Wir starten mit einer philosophischen Landkarte, in der die vier großen industriellen Revolutionen verortet sind. Sie bringt wichtige Ideen und Denktraditionen, die den verschiedenen Revolutionen koinzidieren, in einen Zusammenhang und hebt einige prominente Denker hervor, die ihre Rezeptionsgeschichte maßgeblich geprägt haben. Wir denken, dass diese Landkarte eine gute Basis bietet, um von hier aus weitere Überlegungen zur Zukunft der Arbeit anzustellen. Einige davon werden wir hier weiterverfolgen. Aber warum wollen wir diese Zukunft überhaupt erkunden?

Bei Intuity entwickeln wir Werkzeuge. Werkzeuge zur effizienten Kommunikation. Werkzeuge für die Produktion von Waren. Und Werkzeuge für die Freizeit. Um auch in Zukunft nützliche Werkzeuge gestalten zu können, ist es für uns essentiell, eine Ahnung davon zu bekommen, wohin es gehen könnte. Außerdem möchten wir mit unserer Arbeit die Zukunft aktiv beeinflussen. Wir möchten keine Werkzeuge entwickeln, die den Menschen ersetzen, sondern Werkzeuge, die ihm neue, bessere Fähigkeiten verleihen. Werkzeuge die unsere Freiheit vergrößern und dem menschlichen Fortschritt dienen. Dafür benötigen wir einen zuverlässigen Kompass.

Was bisher geschah und wohin es gehen könnte
Man kann vier große Etappen der Industrialisierung unterscheiden: Die 1. Industrielle Revolution ist durch die Einführung mechanischer Produktionsanlagen, die mithilfe von Wasser- und Dampfkraft arbeiten (z.B. die industrielle Spinnmaschine oder der mechanische Webstuhl), charakterisiert und wird in die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts datiert (ab circa 1750 in England; in Kontinentaleuropa ab 1800). In Folge dieser Entwicklung kam es zu einem tiefreichenden Strukturwandel der feudalen Ständegesellschaften, der von vielen Zeitgenossen (u.a. Adam Smith und Georg Wilhelm Friedrich Hegel) in seiner Tragweite erkannt und reflektiert wurde: Phänomene wie Urbanisierung, Arbeitsteilung, Spezialisierung, Verelendung großer Massen (Pauperismus), Entwertung des Handwerks, Aufkommen des Bürgertums (Besitz, Bildung, Politik) und abhängiger Arbeit (Lohnarbeit), Rationalisierung der Unternehmensführung und die Steuerung von Produktion, Distribution und Konsumtion durch (freie) Märkte gelten als Kennzeichen dieser seither „Moderne“ genannten neuen Epoche.

Die 2. Industrielle Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnet sich demgegenüber durch die Einführung arbeitsteiliger Massenproduktion (Fordismus / Taylorismus) aus, die durch den Einsatz elektrischer Energie ermöglicht wurde. Der Ingenieur Frederick W. Taylor lieferte die theoretische Blaupause für diese neue Form der industriellen Arbeitsorganisation, die den Arbeitsprozess zentral kontrollieren und steuern, Planung und Ausführung trennen sowie jeden Ausdruck von Individualität eliminieren wollte. Die Schlachthöfe von Cinnatti gelten als Vorläufer dieses neuen Produktionsmodells, das durch die Autoproduktion Henry Fords am Fließband perfektioniert wurde.

Die 3. Industrielle Revolution vollzog sich in den 1970er Jahren durch den ersten Einsatz von Robotik und modernen Informations- und Kommunikationstechnologien, mit denen die Produktion weiter automatisiert werden konnte. Auch die Verbreitung des PCs veränderte die Arbeitswelt und –organisation in dieser Zeit erheblich. Mit den ökonomischen Krisen der frühen 80er Jahre und dem Ende der Vollbeschäftigung erlebte nicht nur die Denkschule des ökonomischen Liberalismus eine Renaissance. Auch das bis dato vorherrschende fordistische Produktionsmodell wurde vom sogenannten Post-Fordismus/-Taylorismus abgelöst, das mit einer verstärkten Subjektivierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt die Grenze zwischen den vormals klar getrennten Handlungsbereichen (Erwerbs-)Arbeit und (Privat-)Leben auflöste.

Die neueste Entwicklung der Gegenwart wird gemeinhin als 4. Industrielle Revolution angesehen. Sie zeichnet sich durch den Einsatz Cyber-Physischer-Systeme aus, die global vernetzt werden. Hier dominieren Befürchtungen, der Einsatz hochgradig vernetzter Maschinen könnte einen Großteil der Arbeitsplätze vernichten. In einer viel beachteten Studie der Oxford Martin School prognostizieren Carl Benedict Frey und Michael A. Osborne, dass sogar rund die Hälfte aller Arbeitsplätze in Gefahr ist, durch Automatisierungsprozesse überflüssig zu werden. Ganz oben auf der Liste der von Automatisierung bedrohten Berufe rangieren Telefonverkäufer und Büroangestellte, aber auch Piloten und Richter. Und auch die neusten Sachbuchbestseller dokumentieren mit markigen Titeln wie „Surviving the Machine Age“, „Rise of Robots“ oder „Humans Need not Apply“, dass postindustrielle Gesellschaften moderne Technologie vor allem als Bedrohung wahrnehmen. Die Dystopie menschenleerer Fabriken und Bürotürme, in der längst nicht nur Beschäftigte mit geringer Qualifikation um ihre Jobs fürchten müssen, bildet den Fluchtpunkt zeitgenössischer Zukunftsvisionen in dieser Frühphase der Digitalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Die durch die Digitalisierung freigesetzten Arbeitskräfte werden laut Jeremy Rifkin einen Nonprofit-Bereich aufbauen, der auf freiwilligenbasierten, gemeinschaftsbezogenen Dienstleistungsorganisationen basiert. Auch Andrew McAfee, Co-Autor von “The Second Machine Age”, malte 2012 in einem TED-Talk ein eher versöhnliches Bild der Automatisierungsfolgen: “So, yeah, the droids are taking our jobs, but focusing on that fact misses the point entirely. The point is that then we are freed up to do other things, and what we’re going to do, I am very confident, what we’re going to do is reduce poverty and drudgery and misery around the world.“ Doch müssten wir dafür nicht zunächst neue Orientierungssysteme schaffen, um der Mehrheit überzeugende Angebote zu machen, was sie mit der neugewonnenen Zeit sinnvollerweise anfangen können?

Die angesprochene Situation kann sich dabei im Extremfall auf ein Niveau steigern, das die betroffenen Subjekte auf kurz oder lang von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ganz ausschließt. Somit wird digitale Kompetenz zu einer Schlüsselqualifikation, denn soziale, kulturelle und wirtschaftliche Teilhabe ist künftig ohne digitale Teilhabe nicht mehr zu haben. Als notwendige Reaktion auf das erwartete Ende der Arbeitsgesellschaft fordern einige Theoretiker (so u.a. Philippe van Parijs) daher die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens, um dem befürchteten Sinnverlust und der Prekarisierung ganzer Bevölkerungsschichten zuvorzukommen.

Bei aller berechtigten Sorge um völlig neue Arbeits- und Produktionsmodelle, übersehen wir allerdings, dass gerade der technologische Fortschritt im Bereich der Mensch-Maschine-Interaktion das Potenzial birgt, bisher nicht oder nur prekär Beschäftigte zu fördern und in Arbeit zu bringen. Joseph Schumpeter prägte dafür den Begriff der Kreativen Zerstörung, die er als „das wesentliche Merkmal des Kapitalismus“ ansah, der sich periodisch den neuen technischen Möglichkeiten anpassen müsse. Die meisten Ökonomen würden seine Charakterisierung, dass den temporären Verwerfungen über kurz oder lang eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs folgen wird, vermutlich als die beste Beschreibung für die Entwicklung der großen Volkswirtschaften in den letzten Jahrhunderten seit der ersten industriellen Revolution akzeptieren.

Allerdings ist nicht ausgemacht, ob diese in Art und Umfang bisher beispiellose Digitalisierung unserer Lebenswelt eine historische Zäsur markiert, die das bestehende Wirtschaftsmodell über sich hinaustreibt. Die Digitalisierung bietet große Potenziale die sozialen und ökonomischen Grundlagen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu erneuern. Wenn wir diese Potenziale richtig nutzen, kann der digitale Wandel eine neue Phase der Aufklärung und gesellschaftlichen Emanzipation einläuten, die in einem Post-Kapitalismus mündet. Im Zentrum muss dabei das Ziel stehen, Schritte in Richtung einer inklusiveren Arbeitswelt anzustoßen, sodass jeder Mensch eigenverantwortlich ein gutes und gelungenes Leben führen kann. Dafür müssen sich alle Angehörigen der Gesellschaft als frei und gleich begreifen können, nicht als Ausgeschlossene oder Überflüssige. Dabei geht es um nichts weniger als „den verweigerten oder zugestandenen Platz im Gesamtgefüge der Gesellschaft“, wie Heinz Bude es ausdrückt. Es kommt also entschieden darauf an, die gesellschaftlichen Teilhabesituationen so zu gestalten, dass sie sich als Beitrag zum individuellen Wohlergehen verstehen lassen. Die sozialen Lebensumstände müssen jedem Einzelnen ein würdevolles Leben ermöglichen. Jeremy Rifkin hat unsere Optionen bereits 1995, mehr als zehn Jahre vor dem großen Crash von 2008, hellsichtig auf den Punkt gebracht:

“We are entering a new age of global markets and automated production. The road to a near-workerless economy is within sight. Whether that road leads to a safe haven or a terrible abyss will depend on how well civilization prepares for the post-market era that will follow on the heels of the Third Industrial Revolution. The end of work could spell a death sentence for civilization as we have come to know it. The end of work could also signal the beginning of a great social transformation, a rebirth of the human spirit. The future lies in our hands.”

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