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Zurück zum BlogTill Nagel spricht über Datenvisualisierung und maeanderndes Suchen

Steffen Süpple

19.07.2017

Lab Talk: Prof. Dr. Till Nagel – Mäandernd suchen

Mäandern, mäandrieren, sich schlängeln und winden, dahin gehen wo man vorher nicht war, die Zeit verbringen mit etwas, was nicht vorgesehen war, und dann doch wieder ganz zurück zum Anfang… das kommt einem doch bekannt vor.

Image courtesy of: Harold Fisk, 1944

Kreative Prozesse zu beschreiben, sie festzunageln oder gar zu definieren ist schwer und widerspricht ganz entschieden ihrer Natur. Letzten Mittwoch jedoch war Prof. Dr. Till Nagel bei uns im Büro und erklärte in seinem Lab Talk wie für ihn das Prinzip des Mäanderns zum Sinnbild des kreativen Prozesses geworden ist, und dass es nicht so wichtig ist, ob man gerade besonders schnell oder doch eher langsam voran kommt – Hauptsache man landet am Ende im Ozean.

Till Nagel hätte viele Vorträge bei uns halten können, denn die Vita, das Portfolio und die Referenzen sind bei ihm lang: Er ist Professor an der Hochschule Mannheim, davor an der Kunsthochschule Halle, dozierte in Potsdam und Leuven und forschte am MIT. Seine Arbeiten wurden ausgestellt auf der Architektur Biennale in Venedig, auf der Design Shanghai und dem DMY Festival in Berlin. Außerdem ist er Autor der Processing Library Unfolding Maps, die weltweit in unzähligen Projekten verwendet wird.

Till ist eine Koryphäe der Datenvisualisierung, aber ihm war es wichtig, uns das „big picture“ zu zeigen, seinen persönlichen Ansatz: das Schwanken zwischen Technologie und Design und die daraus resultierende Herangehensweise. Bei Intuity hat er damit offene Türen eingerannt.

Till arbeitet hauptsächlich in der Forschung, in der Lehre und wirkt an Ausstellungen mit. Er beschäftigt sich mit offenen Fragen der Gegenwart wie Mobilität und Urbanität, wie zum Beispiel im Projekt Live Singapore, bei dem den BürgerInnen mit Hilfe von Echtzeitdaten des öffentlichen Nahverkehrs ermöglicht wird, ihre Stadt digital neu zu erleben. Till und sein Team vom MIT Senseable City Lab hatten dabei Zugriff auf sehr präzise Daten der Stadt Singapur. Doch es ist eine Kunst, diese Daten nun sinnstiftend einzusetzen, beziehungsweise sie so zu visualisieren, dass sich Zusammenhänge die vorher unsichtbar waren, in Linien, Graphen und Clustern beobachten lassen. Bei seinen visuellen Explorationen deckt Till diese Zusammenhänge auf und forscht ihnen nach. Im Gespräch mit Experten sucht er nach Erklärungen für unerwartete Muster und arbeitet somit einer Inszenierung entgegen, die es der breiten Masse möglich macht, Erkenntnisse zu generieren und die eigene Umwelt besser zu verstehen.

Courtesy of: Live Singapore

Bedeutsame Datenvisualisierungen können es dem Betrachter ermöglichen, Zusammenhänge wahrzunehmen, die sonst den Sachkundigen und Experten vorbehalten sind. Dies wird besonders deutlich bei der Installation mæve, die 2008 auf der Architektur Biennale in Venedig ausgestellt wurde. Zuschauer konnten Papierkarten mit aufgedruckten Bauwerken auf einen großen Tisch legen, auf dem nun andere Bauwerke erschienen, die einen konzeptionellen Bezug zu dem ersten hatten. Die Installation nahm einen ganzen Raum ein und mehrere Besucher konnten gleichzeitig interagieren und beobachten, in welchem Kontext sich die Bauwerke bewegen, welcher Epoche sie angehören, welche Bautechniken das Gebäude ermöglichten oder welchen Stil sie zitieren. Der Kosmos Architektur wird spielerisch geöffnet und auch jenen zugänglich gemacht, die nicht über diesen Wissensfundus verfügen.

Courtesy of: mæve

Till Nagel ist Forscher, doch wenn er fertig ist, möchte er sein Publikum einladen, an die Hand nehmen, eigene Erfahrungen machen lassen und mit dem generierten Wissen befähigen, eine Diskussion zu führen – vor allem wenn es um gesellschaftlich bedeutende Themen geht oder um den Umgang mit Daten an sich. Die Herausforderung, der er sich hier stellt, besteht darin, die Komplexität der Daten so zu zergliedern, dass sie den Betrachter einlädt, sich auf sie einzulassen. Von dort aus ist es möglich, sich immer tiefer in die Materie hinein zu denken und schließlich Erkenntnisse zu gewinnen. Till und seine Kollegen nennen ihre Methode Inszenierte Analyse: Das Ganze wird in seine Bestandteile aufgelöst und technisch und künstlerisch aufbereitet. Praktiziert wurde diese Methode bei cf. city flows: Betrachter können die Bikesharing-Dienste von London, New York und Berlin miteinander vergleichen, sehen, von wo die Menschen kommen und wo sie hin fahren. Die drei Städte sehen aus wie Adersysteme, organisch und verwachsen. Die Timeline geht auf 6 Uhr zu und an den äußeren Stellen leuchten die ersten Punkte auf. Die Städte erwachen und immer mehr leuchtende Punkte bewegen sich zu den Zentren, in denen die Businessviertel zu sein scheinen. Die Installation ist aufgeteilt in drei Ansichten, die hinsichtlich ihrer Komplexität abgestuft sind. So findet man leicht Zugang und kann sich gleichzeitig in vielschichtigen Graphen verlieren. cf. city flows ist vieles. Ein stadtplanerisches Informationsportal, die Illustration eines kulturellen Phänomens, ein digitales Kunstwerk.

Courtesy of: cf. city flows

Die Ergebnisse von Till Nagels Arbeit sind raumfüllende Installationen, doch davor steht immer eine Suche. Erst durch das Ausprobieren, Experimentieren und Explorieren findet er den Punkt, an dem er schließlich ansetzt und eine Form bildet.

Er selbst sieht seine Arbeiten als Werkzeuge, von denen Gebrauch gemacht werden soll. Die Daten stehen einer immer größeren Öffentlichkeit zur Verfügung, und sollten daher auch für diese zugänglich gemacht werden. Till setzt sich dafür ein, dass diese Daten nicht nur von großen Konzernen genutzt werden, sondern demokratisiert, verstanden und von der Bevölkerung auf indivudelle Weise verwendet werden können.

Vielen Dank, Till, für deinen inspirierenden Vortrag! Wir sind gespannt auf die Zukunft.