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Zurück zum BlogWie lässt sich die Stadt sinnvoll entwickeln? – Eine Diskussion

Portrait von Markus Turber
Markus Turber

23.01.2020

Undenkbare Gedanken denken – komplexe Systeme begreifen und unvorstellbares gestalten

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ In seinem bekanntesten Werk „Tractatus logico-philosophicus“ bringt Ludwig Wittgenstein (1889–1951) diesen berühmten Satz (5.6) zu Papier, mit der Befürchtung, dass niemand seine Gedanken verstehen würde.

Der Mathematiker Richard Hamming (1915–1998) ging noch weiter. Er philosophierte darüber, ob es grundsätzlich „undenkbare Gedanken“ geben könne – aufgrund der Struktur unserer Gehirne oder konditionierter Denkweisen. Gut belegt ist, dass Sprünge zivilisatorischen Fortschritts mit der Entwicklung kulturtechnischer Werkzeuge zur Kommunikation und Wissensbewahrung (also von Sprache, Schrift, Buchdruck und modernen Informations- und Kommunikationstechnologien) eng einher gingen.

Gibt es möglicherweise Gedanken, die wir nicht denken können? Kann die Evolution uns davon abgehalten haben, bestimmte Denkmuster anzuwenden? Je mehr wir wissen, und je mehr wir in der Lage sind dies zu artikulieren und zu teilen, desto mehr können wir uns als Team, Organisation oder Gesellschaft vorstellen.

Marshall McLuhan (Medientheoretiker, 1911–1980) titelt 1967 „The Medium is the Massage“ und wirft damit die Vorstellung in den Raum, dass die Repräsentationsform, unabhängig zum informativen Gehalt der Botschaft, signifikanten Einfluss entwickelt. Darin liegt natürlich eine Chance! Haben wir bessere Werkzeuge für den Umgang mit komplexen Systemen, dann erkennen wir fast automatisch Zusammenhänge, die uns bislang verschlossen blieben – und wir können sogenannte „Wicked Problems“ adressieren.

„Every problem interacts with other problems and is therefore part of a set of interrelated problems, a system of problems… I choose to call such a system a mess.”
Russel L. Ackoff (Organisationstheoretiker, 1919–2009)

Komplexe Systeme begreifen und Unvorstellbares gestalten

Städte sind ein Archetyp komplexer Systeme. Sie sind politischer, sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Mittelpunkt einer Region oder eines Landes. Sie sind Allem voran auch Aufenthalts-, Wohn- und Arbeitsort vieler Bürger mit vielschichtigen Bedürfnissen. Sie sind Projektionsfläche von Träumen, Ängsten und Wahrheiten.

Welche Bedürfnisse liegen im Stadtgebiet vor? Wie lassen sie sich sinnvoll weiterentwickeln?

Städte vermitteln zwischen vielschichtigen Interessen und bilden gleichzeitig einen Ort, an dem Verwaltungen oder Stadtwerke verlässlich Lösungen für organisatorische Probleme finden müssen. Wie können wir dem Mobilitätsbedarf der Bewohner gerecht werden – ohne den notwendigen Raum für neue Infrastrukturen? 2050 wollen wir keine Treibhausgase mehr emittieren. Wie planen, starten und realisieren wir den großen Umbau?

Wer diesen Umbau verschiebt und einwendet, dass mancherorts nicht einmal ein Flughafen vor 2050 realisiert werden könne, der ignoriert den Ernst der Lage. Denn während es für die Mehrzahl der Menschen weitgehend egal sein dürfte, ob der Flughafen erbaut wird oder nicht, weisen uns die ersten zarten Ausläufer der Erderwärmung darauf hin, dass die Dekarbonisierung von Energieversorgung, Mobilität, Ernährung, Wohnen und Industrie eine existenzielle Anforderung ist. Oder um es mit Robert Walser zu sagen:

„Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein. Sie ist es.”
Robert Walser (Schriftsteller, 1878–1956)

Aufgrund technologischer Weiterentwicklungen, besserer Werkzeuge aus der Informations- und Kommunikationstechnologie und künstlicher Intelligenz sind wir in der Lage, Zusammenhänge innerhalb komplexer Systeme besser zu verstehen und deutlich leistungsfähigere Lösungen mit geringerem Ressourcenaufwand zu schaffen. Theoretisch!

Praktisch haben wir in den vergangenen Jahren mehr Zeit darauf verwendet, uns die Sprache der Maschinen anzueignen und haben unsere Sätze mit „Alexa…“ , „Hey Siri…“ oder „OK Google…“ begonnen. Mein Fazit: Lassen Sie uns lieber nicht darauf warten, dass die drei unsere Probleme lösen. Lernen wir das lieber selber!

Erweiterung unseres Aktionsradius

Künstliche Intelligenz kann uns aber unterstützen. Mit KI meinen wir meist statistische Verfahren oder das Training von Netzen. Beides ist hilfreich bei der Erkennung von Mustern in großen Datenaufkommen. Dafür müssen Menschen die Modelle und Systeme entwickeln. Wir müssen versuchen, die Prozesse zu verstehen, sie formulieren und mittels der Informatik in Programmcode transkribieren.

Wir analysieren und simulieren komplexe Systeme – zum Beispiel in der Stadtplanung – anhand von bewährten, aber auch von unseren Teams gestalteten Modellen. Basierend darauf können Prognosen abgeleitet werden, die vorhersagen, wie Systeme auf veränderte Eingangsbedingungen oder spontan auftretende Einflussfaktoren reagieren. Diese vereinfachten mathematischen Modelle können uns als Werkzeuge bei der Lösung von „Wicked Problems“ nützlich sein.

Live-monitoring aller relevanten Daten zum Thema Stadtentwicklung und Stadtplanung

Jedoch sind soziale Systeme nicht determinierbar. Die Natur ist nicht linear – sie besteht aus ineinander verschachtelten, teils rekursiven, teils selbstverstärkenden oder balancierenden Prozessen. Die Reduktion von Komplexität muss durch den gestaltenden Menschen erfolgen. Ebenso die aktive Nachsteuerung, wenn neue Anforderungen erkannt oder integriert werden müssen.

„Seek simplicity – and distrust it.”
Alfred North Whitehead (Philosoph und Mathematiker, 1861–1947)

Dies sind originäre Gestaltungsfragen! Es liegt an uns Menschen, den Designern, Städte- und Infrastrukturplanern, Bürgern und Politikern Gestaltungsentscheidungen für ein gelungenes, nachhaltiges Leben in der Stadt zu treffen. Damit verantwortungsvoll entschieden, sinnvoll investiert, gebaut und umgebaut werden kann, brauchen wir – eigentlich sofort – deutlich bessere Entscheidungsgrundlagen.

  1. Verständnis
    Wir müssen ein besseres Verständnis für Städte, Bewohner, inhärente Systeme und Prozesse entwickeln.

  2. Analyse
    Um objektivere Analysen zu erstellen, nutzen wir aggregierte Modelle und Werkzeuge zur Visualisierung der Systeme. So lassen sich Zustände, Entwicklungen und Trends herauslesen.

  3. Hypothese & Simulation
    Um bessere Hypothesen zu bilden, bauen wir interaktive Werkzeuge zur Simulation. So lernen wir, welche Wechselbeziehungen unter anderen, möglichen oder künftigen Bedingungen entstehen.

  4. Prototyping & Prognosen
    Um Risiken zu minimieren und Sicherheit zu gewinnen, entwickeln wir einen Werkzeugkasten für Entwurf, Prototyping und Verprobung von Ideen, bevor wir ins echte System Stadt eingreifen.

  5. Behavioural Change & Transformation


    Die nachhaltige Transformation einer Stadt hängt vom Willen der Bewohner ab. Eine Änderung im Verhalten lässt sich nur mit den Menschen umsetzen. Hierzu brauchen wir neben Empathie und Feingefühl auch kommunikative Werkzeuge, um die Bedürfnisse der Bürger sichtbar zu machen und die Funktionszusammenhänge der Subsysteme einer Stadt zu verstehen.

Folgen wir diesen Schritten können wir Alternativen entwickeln, gemeinsam unser Verhalten transformieren und den Übergang vom Gewohnten ins Neue gestalten. Das Arbeiten in und an Systemen erfordert Diskurs, um einen Konsens herzustellen. Systemische Werkzeuge werden zunehmend wichtig, damit Gestaltungsfragen der Zukunft auf Basis von Wissen und verantwortungsvoller Haltung entschieden werden können.

Diese neuen systemischen Werkzeuge und Modelle erweitern unser Sensorium. Wie die Sprache, die Schrift oder allgemein Symbole können wir sie als Werkzeug des Denkens nutzen und unsere Fähigkeiten erweitern, um komplexe Sachverhalte zu erkunden, zu begreifen und zu formen. Die Gestaltungsfrage muss weiterhin der Mensch beantworten. Nur die Lösung der Aufgabe ist dank unserer neuen Denkwerkzeuge anders.

„Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns.”
Marshall McLuhan (Medientheoretiker, 1911–1980)