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Symbolbild: Berg mit Nebel

Portrait von Hauke Behrendt
Hauke Behrendt

Wie wir die Bedeutung unserer Welt neu erfinden

In diesem Artikel skizziert der Philosoph Hauke Behrendt, wie wir als Gesellschaft Bedeutungen konstruieren und so neuen Sinn stiften können. Der Text bietet eine historische Bestandsaufnahme zum Thema Digitalisierung sowie eine Orientierungshilfe für das Handeln und Entscheiden für all jene, die an neuen Konzepten für die Zukunft arbeiten. Die Lesedauer des Artikels beträgt 20 bis 25 Minuten.
  1. Prolog
  2. Disruption
  3. Entdecken und Erfinden
  4. Auf Einhornjagd
  5. Tatsachen verflüssigen
  6. Sinnstiftung
  7. Integration
  8. Epilog

1. Prolog

Hannes schaut mich mit großen, fragenden Augen an. Er tippt mit dem Finger auf seinen Lieblingsfilm „Die Eiskönigin“ – aber nichts passiert. Mein Sohn ist jetzt drei Jahre alt und weiß, dass tolle Dinge passieren, wenn man die bunten Pixel eines Smartphones oder Tabletts berührt. Die Begegnung mit einem Stück „alter Technologie“ – einem Fernseher, der nicht mit ihm interagiert – ist ihm ein Rätsel.

Die Digitalisierung erlaubt uns, alles mit allem zu vernetzen. Mit dem Smartphone schalten wir das Licht an, öffnen Garagentore, oder überweisen Geld. Die universelle Sprache der Einsen und Nullen lässt uns alles in alles übersetzen. So wird meine Berührung des Touch-Screens in einen Befehl für den Stellmotor meines Garagentors übersetzt. Mehr noch: Die Software-Werkzeuge, mit denen wir diese neuen Funktionen schaffen, werden immer mächtiger. Heute kann fast jeder, der das möchte – auch ohne abgeschlossenes Ingenieurstudium – eine Heimsteuerung programmieren oder (via Block Chain) seine eigene Währung erfinden.

Dieser neue Code und die Werkzeuge lassen unsere Welt mehr denn je zum Gestaltungsspielraum werden. Durch Vernetzung und (Re-)Kombination werden Möglichkeitsräume aufgestoßen, die es erlauben, den Dingen – wie zum Beispiel dem Geld – eine neue Bedeutung zu geben. Damit stellt sich auch die Frage, welche Bedeutung wir den Dingen geben wollen.

2. Disruption

Kaum ein Aspekt der Digitalisierung wird von Kommentatoren so gerne hervorgehoben – und dabei zugleich so oft missverstanden – wie ihr diskruptiver Charakter. Das angesprochene Missverständnis gegenüber der Digitalisierung ist dabei ein doppeltes: Wird erstens davon ausgegangen, disruptive Technologien würden eine bestimmte Entwicklung quasi naturgesetzlich determinieren, erscheint sie Vielen zweitens als dystopische Zerstörung, die wie eine unkontrollierbare Naturkatastrophe alles mitreißt was uns lieb und teuer ist. Dabei sollten wir uns davor hüten, in technologiefeindlichen Alarmismus zu verfallen. Nicht die Technik selbst, sondern nur der Mensch setzt Zwecke und bestimmt die dafür erforderlichen Mittel.

Technologie wird häufig missinterpretiert und metaphorisch als zerstörerische Naturgewalt dargestellt.

Zwar stimmt es, dass digitalen Technologien auch ein zerstörerisches Potenzial innewohnt: So wird moderne Kommunikations- und Informationstechnik heute massenhaft zur Verbreitung von ideologischen bis verschwörungstheoretischen Fake News missbraucht und nicht selten zur Unterwanderung dezisionaler wie informationeller Selbstbestimmung genutzt. Doch weder das Internet noch Smartphones oder Wearables verkaufen unsere persönlichen Daten und manipulieren unser Verhalten. Es sind in erster Linie menschliche Gier, menschliche Machtversessenheit und menschliche Bequemlichkeit, die uns in diese Lage gebracht haben. Sprich: Nicht technische Lösungen sind unser eigentliches Problem, sondern die falsche Wertorientierung – auch wenn erst die Technik spezifische Möglichkeiten der Umsetzung schafft.

Dass die Digitale Revolution im Begriff ist, unsere Lebensumstände fundamental zu verändern, steht außer Frage. Wir befinden uns inmitten einer Phase tiefgreifender Umwälzungen. Allerdings wäre es ein folgenschweres Missverständnis anzunehmen, dass sich die multipolaren Entwicklungen der Gegenwart vollständig unserem Einfluss entziehen. Damit will ich weder behaupten, dass wir heute schon in der Position sind, unsere Lage eindeutig einzuordnen, noch ihre große Eigenkomplexität leugnen. Doch verfügen wir bereits jetzt über vielfältige Landkarten des digitalen Wandels, die uns dabei helfen, die disruptiven Veränderungsprozesse besser zu verstehen.[1] Ein solches Verständnis ist eine wichtige Voraussetzung, um nicht von den technischen Entwicklungen der Zeit überrollt zu werden, sondern die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Durch unser Handeln können wir in den Lauf der Dinge eingreifen und so aktiv Einfluss darauf ausüben, in welcher Weise sich der digitale Wandel vollzieht und wofür wir ihn einsetzen.

Disruption ist ein Prozess, der ehemals fixierte Praktiken und vermeintlich unumstößliche Gewissheiten verflüssigt. Durch die umfassende Digitalisierung und Vernetzung der Welt wird die bestehende symbolische Ordnung herausgefordert und ihre sozialen Regeln infrage gestellt. Vieles verliert dadurch seine Berechtigung und vertrauensstiftende Kraft. Dies kann zu Orientierungslosigkeit und Angst führen. Auf der anderen Seite werden die althergebrachten Gegebenheiten dadurch gestaltbar. Disruptionen müssen daher nicht zwangsläufig destruktiv sein. Im Gegenteil: Sie können umgekehrt dabei helfen, Kontur und Gehalt unseres Zusammenlebens neu zu bestimmen. Was sich einst auf der antiken Agora oder in den Kaffeehäusern der Aufklärung abspielte, könnten fortan die virtuellen Foren, Plattformen und Marktplätze der Netzwelt leisten: eine Stärkung demokratischer Werte und eine Verbesserung individueller Freiheit. Eine progressive Disruption der bestehenden Ordnung könnte nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche so radikal revolutionieren, dass dies der Geburtsstunde einer neuen Welt nahekäme.

3. Entdecken und Erfinden

Digitale Technologien bieten innovative Lösungen für die Herausforderungen der Welt von morgen. Sie sind ein Schlüssel, um den Menschen aus der Abhängigkeit von übermächtigen Institutionen und marktbeherrschenden Monopolisten zu befreien. So bietet die Digitalisierung große Potenziale, die politischen, ökonomischen und sozialen Grundlagen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens nachhaltig zu erneuern. Wenn wir diese Potenziale richtig nutzen, kann der digitale Wandel eine neue Phase der Aufklärung und gesellschaftlichen Emanzipation einläuten. Doch um dies zu tun, müssen wir zunächst die Richtung in Form einer realistischen Utopie festlegen. Wenn es uns gelingt, belastbare Vorstellungen davon zu entwickeln, wohin wir wollen, können wir die Herausforderungen der Zeit vernünftig meistern. Welchen Weg die Digitalisierung einschlägt, liegt in unseren Händen.

Eine neue Phase der Aufklärung und gesellschaftlichen Emanzipation können wir nur einläuten, wenn wir unseren Wertekompass neu kalibrieren und die bekannten Wege verlassen.
„Wenn es uns gelingt, belastbare Vorstellungen davon zu entwickeln, wohin wir wollen, können wir die Herausforderungen der Zeit vernünftig meistern. Welchen Weg die Digitalisierung einschlägt, liegt in unseren Händen.”

Unser zivilisatorischer Fortschritt basiert im Wesentlichen auf dem Vermögen, die Komplexität der Welt durch Strukturbildung sachdienlich zu reduzieren. In welcher Realität wir leben und was wir daraus machen, hängt im Prinzip ganz von unseren Wünschen und Interessen ab. Natürlich müssen wir dabei im Rahmen unserer Möglichkeiten bleiben. Die Naturgesetze können wir ebenso wenig ignorieren wie die menschlichen Grundbedürfnisse und Lebensbedingungen. Für die meisten Probleme gibt es aber nichtsdestoweniger mehr als nur eine Herangehensweise, sprich: verschiedene funktionsäquivalente Lösungen. In dieser Frühphase der Digitalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts fehlt bislang allerdings ein verlässlicher Kompass. Um Ziel und Richtung zu bestimmen, müssen wir uns fragen, wo wir angesichts der Komplexität unserer Lage ansetzen können. Wir müssen Strategien entwickeln, um die verworrene Menge an technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen sowie ihre wechselseitigen Verflechtungen zu entwirren und sie zu begreifen. Dabei geht es darum, zielführend an bestehende Entwicklungen anzuknüpfen und sie in unserem Sinne weiterzuspinnen.

Um Erfolgreich zu sein, müssen wir die beiden dominanten Triebkräfte kennen und beherrschen, die Disruptionen auslösen und für neue Sinnstiftung sorgen können – Entdeckungen und Erfindungen. Beide sind nicht immer ganz klar voneinander zu trennen. Um ihre jeweiligen Eigenarten herauszustreichen, lässt sich aber vereinfachend folgende Unterscheidung heranziehen: Entdecken ist eine theoretische; Erfinden eine praktische Leistung des Menschen. Richtet sich unser Entdeckersinn auf das Erkennen der Welt, dreht sich für den Erfinder alles um ihre Veränderung. Dabei stützen sich Erfindungen in der Regel in kreativer Weise auf die Erkenntnisse früherer Entdeckungen. Verstehen wir unter „Natur“ im weitesten Sinne diejenige Sphäre, die vom zielgerichteten Einfluss des Menschen unabhängig existiert und grenzen „Kultur“ als den Bereich davon ab, den der Mensch durch seine spezifische Leistung hervorbringt und erhält, so wäre erstere der Gegenstand des Entdeckens und letztere Medium und Ergebnis des Erfindens.

So erforscht der Mensch seit den Anfängen der frühesten Kulturen systematisch die Mechanismen der unbelebten Natur und ihre Funktionsweise ebenso wie die Eigenarten des Lebens und seine artspezifischen Organisationsformen. Und er hat seitdem schon eine ganze Reihe mathematischer und logischer Wahrheiten sowie zahlreiche psychologische, biologische, chemische und physikalische Tatsachen und Wirkzusammenhänge entdeckt. Das so gewonnene Weltwissen wurde in kulturellen Weltbildern verdichtet und bildet damit den Kern unseres heutigen Selbst- und Weltverhältnisses. Mit seinen Erfindungen bringt der Mensch demgegenüber eine kulturelle Lebenswelt hervor, indem er symbolische wie dinghafte Artefakte mit speziellen Wert- und Funktionszuschreibungen entwickelt. Diese Charakterisierung ist natürlich nur sehr grob, aber einzelne Aspekte werden gleich noch weiter vertieft, da im hier betrachteten Fall digitaler Disruption Entdeckungen und Erfindungen auf spezielle Weise zusammenwirken.

3.1 Wissensrevolutionen

Was wir über die Welt und unsere menschliche Natur wissen, bestimmt maßgeblich, wie wir die Dinge sehen und mit ihnen umgehen. Dieses Welt- und Selbstverhältnis, wie die Philosophen es nennen, ist das Produkt zahlreicher Erkenntnisse, deren Prüfung im Laufe der Geschichte unter immer ausgefeiltere methodische Verfahren gestellt worden ist. Der historische Fortschritt wissenschaftlicher Entdeckungen sorgte dabei für teils gravierende Revisionen sowohl nach außen mit Blick auf unser Weltbild als auch nach innen mit Blick auf unser Selbstbild. Der Technikphilosoph Luciano Floridi stellt die Digitale Revolution der Gegenwart direkt in eine Reihe mit drei gravierenden Revolutionen unseres Wissens – den drei großen Kränkungen der Menschheit, wie Sigmund Freud sie einmal bezeichnet hat.[2]

Die erste wissenschaftliche Revolution – Freud nennt sie die kosmologische Kränkung – datiert auf das Jahr 1543. Nikolaus Kopernikus veröffentlichte in diesem Jahr seine bahnbrechende Abhandlung über die Bewegung der Planeten um die Sonne. War man bis dahin davon ausgegangen, dass die Erde gottgewollt den Mittelpunkt des Universums bilde, erkannte man durch die heliozentrische Kosmologie von Kopernikus, dass die Dinge in Wirklichkeit ganz anders liegen. Das heliozentrische Weltbild verdrängte so die Vorstellung vom Menschengeschlecht als Mittelpunkt der Welt. Die sogenannte Kopernikanische Wende ist seither Sinnbild für alle wissenschaftlich begründeten Umbrüche tradierter Weltbilder.

Die zweite wissenschaftliche Revolution – nach Freud die sogenannte biologische Kränkung – wurde 1859 von Charles Darwin angestoßen. Darwin etablierte mit seiner Evolutionstheorie eine neue Sicht auf die Stellung des Menschen in der Natur. Hatte Kopernikus den Glauben an die menschliche Vormachtstellung im Universum als bloßen Aberglaube entlarvt, wurde mit Darwins Entdeckungen über die biologische Entwicklungsgeschichte der Tiere und Pflanzen seine „schöpferische“ Sonderrolle gegenüber anderen Lebewesen in Zweifel gezogen. Die großen Widerstände, die diese Erkenntnis noch heute insbesondere bei streng gläubigen Christen in den USA hervorruft, gibt eine Ahnung davon, wie revolutionär Darwins Entdeckung zu seinen Lebzeiten gewesen ist.

Die dritte wissenschaftliche Revolution von 1917 – Freud spricht hier von der psychologischen Kränkung als deren Urheber er sich nicht ganz unbescheiden selbst ansah – räumt mit dem Irrglauben auf, der Mensch sei ein seiner selbst völlig transparentes Wesen. Die psychoanalytische Erkenntnis vom Unbewussten, das sich der Lenkung durch den menschlichen Willen entzieht, desavouierte die klassischen Vorstellungen von der Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen und veränderte unser Bild vom menschlichen Bewusstsein – eine Erkenntnis, die inzwischen auch von den modernen Neurowissenschaften bestätigt wurde.

Heute, so Floridi, sind wir Zeugen einer Entwicklung, die unser Welt- und Selbstverhältnis ähnlich radikal verändern wird wie die vorangegangenen drei wissenschaftlichen Revolutionen. Gingen auf Kopernikus, Darwin und Freud Entdeckungen zurück, die den Menschen eine bestimmte Vormachtstellung – im Kosmos, der Natur und im eigenen Geist – gekostet haben, so erblickt Floridi in Alan Turing den Urheber einer weiteren Kränkung der Menschheit. Turings Entdeckungen beweisen, dass der Mensch auch in einer weiteren Domäne keineswegs eine so herausgehobene Position für sich reklamieren kann, wie lange angenommen: So haben Computer das Potenzial in Sachen intelligenten Verhaltens, logischen Denkens und der Informationsverarbeitung menschliche Leistungen in vielen Bereichen zu übertreffen. Der Mensch der digitalen Welt nimmt so nicht mehr wie selbstverständlich die unangefochtene Rolle des Experten und Spezialisten ein. Sein Wissen und Können basiert hingegen immer stärker auf den Leistungen datenverarbeitender Algorithmen.

3.2 Technologische Revolutionen

Der Computer als Sinnbild der vierten wissenschaftlichen Revolution verdeutlicht, dass Entdeckungen und Erfindungen nicht immer sauber voneinander zu trennen sind. Basierend auf logischen und mathematischen Erkenntnissen schuf Turing die theoretischen Grundlagen für die Erfindung des Computers, an der er ebenfalls maßgelblich beteiligt war. Doch auch schon in den früheren technologischen Revolutionen sind Entdeckungs- und Erfindungszusammenhänge eng miteinander verwoben.

Die erste industrielle Revolution wird in die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts datiert (ab circa 1750 in England; in Kontinentaleuropa ab 1800). Begleitet von der Einführung mechanischer Produktionsanlagen, die mithilfe von Wasser- und Dampfkraft arbeiten, wie die industrielle Spinnmaschine oder der mechanische Webstuhl, kam es zu einem umfassenden Strukturwandel der feudalen Ständegesellschaften, der bereits von einigen Zeitzeugen (u.a. Adam Smith und Georg Wilhelm Friedrich Hegel) in seiner Tragweite erkannt und kritisch reflektiert wurde: Phänomene wie Urbanisierung, Arbeitsteilung, Spezialisierung, Pauperismus, Entwertung des Handwerks, Aufkommen des Bürgertums (Besitz, Bildung, Politik) und abhängiger Arbeit (Lohnarbeit), Rationalisierung der Unternehmensführung und die Steuerung von Produktion, Distribution und Konsumtion durch (freie) Märkte gelten als Kennzeichen dieser seither „Moderne“ genannten neuen Epoche.

Die zweite industrielle Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnet sich demgegenüber durch die Einführung arbeitsteiliger Massenproduktion (Fordismus/Taylorismus) aus, die durch den Einsatz elektrischer Energie ermöglicht wurde. Der Ingenieur Frederick W. Taylor lieferte die theoretische Blaupause für diese neue Form der industriellen Arbeitsorganisation, die den Arbeitsprozess zentral kontrollieren und steuern, Planung und Ausführung trennen sowie jeden Ausdruck von Individualität eliminieren wollte. Die Schlachthöfe von Cinnatti gelten als Vorläufer dieses neuen Produktionsmodells, das durch die Autoproduktion Henry Fords am Fließband perfektioniert wurde.

Die dritte industrielle Revolution vollzog sich in den 1970er Jahren durch den ersten Einsatz von Robotik und modernen Informations- und Kommunikationstechnologien, mit denen die Produktion weiter automatisiert werden konnte. Auch die Verbreitung des PCs veränderte die Arbeitswelt und –organisation in dieser Zeit erheblich. Mit den ökonomischen Krisen der frühen 80er Jahre und dem Ende der Vollbeschäftigung erlebte nicht nur die Denkschule des ökonomischen Liberalismus eine Renaissance. Auch das bis dato vorherrschende fordistische Produktionsmodell wurde vom sogenannten Post-Fordismus/-Taylorismus abgelöst, das mit einer verstärkten Subjektivierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt die Grenze zwischen den vormals klar getrennten Handlungsbereichen (Erwerbs-)Arbeit und (Privat-)Leben auflöste.

Die neueste Entwicklung der Gegenwart wird gemeinhin als vierte industrielle Revolution angesehen. Sie zeichnet sich durch den Einsatz Cyber-Physischer-Systeme aus, die global vernetzt werden. Schon vor mehr als 200 Jahren, als in Europa die moderne Welt entstand, war es im Wesentlichen ein fundamentaler technologischer Umbruch – die erste industrielle Revolution – die die soziale Welt des Menschen, seine Art zu leben und zu arbeiten, revolutionierte. Heute – zwei industrielle Revolutionen später – stehen wir erneut an einer Epochenschwelle von welthistorischem Rang.

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Obwohl das kommende Mensch-Maschine-Zeitalter gerade erst begonnen hat, deuten sich schon jetzt allgemeine Trends an: So erleben wir gegenwärtig 1) eine neue Phase der Automation, d.h. der weitgehenden Übernahme von Arbeitsaufgaben durch künstliche Intelligenz und Robotik; 2) einen verstärkten Einsatz von Mensch-Maschine-Interaktion, d.h. die arbeitsteilige Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine, etwa durch Assistenzsysteme mit Augmented-Reality-Elementen; 3) eine Ausweitung des plattformbasierten Dienstleistungssektors, d.h. virtuelle Marktplätze auf denen Dienstleistungen und der Zugang zu Gütern von Algorithmen koordiniert und vermittelt werden, wie heute im Fall von Uber, Airbnb, Amazon. Die geschilderten Veränderungen werden aller Voraussicht nach auch eine Neupositionierung des Menschen im Berufs- und Sozialleben erforderlich machen.

4. Auf Einhornjagd

Im Augenblick erleben wir, wie rasante technologische Innovationen unsere Welt nachhaltig verändern. Vom Arbeitsplatz über den öffentlichen Raum bis ins Wohnzimmer – digitale Technologie hält in alle Lebensbereiche Einzug. Vernetzte Endgeräte erfassen, was uns beschäftigt, wofür wir unser Geld ausgeben und womit wir unsere Zeit verbringen. Smarte Umgebungen kennen unsere Lebensgewohnheiten inzwischen besser als wir selbst und strukturieren unseren Alltag. Und das Smartphone avanciert zu einer Art Universalfernbedienung für spontane Einfälle und individualisierte Pläne im Real Life. Kurzum: Wir stehen an der historischen Schwelle zum digitalen Zeitalter – einer neuen Epoche der Digitalität, in deren Verlauf sich unsere vertrauten Lebensumstände radikal wandeln.

Führen wir uns das disruptive Potenzial dieser Entwicklung anhand einiger plakativer Beispiele vor Augen: Wann haben Sie zuletzt eine Straßenkarte zusammengefaltet bzw. sind daran verzweifelt? Wann haben Sie Ihre Lieblingsmusik aus dem Radio mitgeschnitten oder einen Film aus dem Fernsehen aufgezeichnet? Wann haben Sie zuletzt einen Überweisungsträger in eine Bankfiliale gebracht? Wann eine Telefonzelle genutzt? Wann haben Sie in einem Lexikon geblättert (ich meine nicht gebrowst, sondern wirklich geblättert)? Zugespitzt formuliert, bedeutet digitale Disruption, dass nachfolgende Generationen diese Fragen nicht nur ganz selbstverständlich mit „noch nie“ beantworten werden, sondern dass sie sich noch nicht einmal vorstellen können, wonach hier eigentlich gefragt wird.

Für Tim O’Reilly kann diese Art von progressiver Disruption mit einer Einhornjagd verglichen werden.[3] Disruptive Innovationen versetzen uns, wie Einhörner es täten, in vollkommenes Erstaunen, wenn wir ihnen das erste Mal begegnen. Aber schon nach einer kurzen Zeit des Umbruchs werden sie so allgegenwärtig sein, dass wir sie als selbstverständlich ansehen, fast so, als hätte es nie etwas anderes gegeben. Demnach zeichnen sich disruptive Innovationen durch drei zentrale Merkmale aus:

  1. Sie sind zunächst zutiefst unvorstellbar.
  2. Sie verändern die Art und Weise, wie die Welt funktioniert.
  3. Sie erschaffen ein neues Geflecht von neuartigen Dienstleistungen, Arbeitsplätzen, Geschäftsmodellen und Industrien.

Diejenigen, die die Welt spürbar verändern, sind laut O’Reilly Menschen, die dieser Art von Einhorn nachjagen. Zwar verengt er seine Sichtweise dabei unnötigerweise auf rein ökonomische Zusammenhänge. Doch wenn wir den Grundgedanken dahinter auch politisch, kulturell und sozial weiterspinnen, erscheint neue Sinnstiftung nach diesem Modell tatsächlich nachhaltig gestaltbar. Sicherlich wäre es naiv anzunehmen, dass sich auf dieser Basis so etwas wie eine einfache Blaupause für Veränderungsprozesse per se entwickeln ließe. Eine einzige zuverlässige Strategie für die Einhornjagd gibt es nicht. Aber wenn wir das Wesen der veränderbaren Elemente besser verstehen und begreifen, welche Kräfte Veränderungen bewirken können, ist viel gewonnen.

Die häufig rein ökonomischen Betrachtungen müssen politisch, kulturell und sozial erweitert werden – sonst besteht die Gefahr, dass wir den falschen Zielen nachjagen.
„Eine einzige zuverlässige Strategie für die Einhornjagd gibt es nicht. Aber wenn wir das Wesen der veränderbaren Elemente besser verstehen und begreifen, welche Kräfte Veränderungen bewirken können, ist viel gewonnen.”

5. Tatsachen verflüssigen

Unsere Welt ist von äußerster Komplexität geprägt. Um sich in ihr zurechtzufinden, müssen wir diese Komplexität sachdienlich reduzieren. Denn ohne sinnvolle Komplexitätsreduktion wäre die Welt für uns buchstäblich unbewohnbar. Erst indem wir aus dem Insgesamt einer übermäßig komplexen Welt für uns eine bestimmte sinnhaft verfasste Realität erzeugen, werden menschliche Zivilisation und gesellschaftlicher Fortschritt überhaupt denkbar. Wer sich in einer in dieser Weise kulturell vereindeutigten Realität bewegt, dem ermöglicht dies einen mehr oder weniger souveränen Umgang mit dem Universum der darin enthaltenen Tatsachen.

Die kulturelle Lebenswelt versorgt uns mit vertrautem und vertrauenswürdigem Hintergrundwissen, auf das wir uns gemeinsam mit anderen, die die gleiche Realität bewohnen, beziehen können, um uns auch in neuen Situationen erfolgreich zu orientieren und uns gemeinsam auf neue Problemlagen einzustellen. Obwohl sich eine geteilte Lebenswelt dem Einzelnen als etwas unhintergehbar Gegebenes darstellt, ist sie in Wirklichkeit doch im Wesentlichen von uns gemacht und daher in gewissen Grenzen immer auch aus- und umgestaltbar. Trotz ihrer relativ großen Stabilität (positiv formuliert), beziehungsweise ihrer starken Beharrungskräfte (negativ formuliert) leben wir in einer flüssigen Realität, deren Bestand prinzipiell immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden muss.

„Obwohl sich eine geteilte Lebenswelt dem Einzelnen als etwas unhintergehbar Gegebenes darstellt, ist sie in Wirklichkeit doch im Wesentlichen von uns gemacht und daher in gewissen Grenzen immer auch aus- und umgestaltbar.”

Allerdings müssen wir auf grundlegender Ebene sorgfältig zwischen den Eigenschaften der Welt unterscheiden, die unabhängig von uns existieren, und denjenigen, deren Vorkommen vollständig von uns abhängt.[4] Dass ein Gegenstand eine bestimmte Masse und chemische Zusammensetzung hat, sind objektiv feststellbare Tatsachen, die vollkommen ohne jede menschliche Leistung existieren. Natürlich braucht es Menschen, um diese Tatsachen zu erkennen und ihnen einen Namen zu geben, aber ihre Existenz hängt nicht davon ab, welche Haltung wir zu ihnen einnehmen. Dinge dieser Art habe ich oben als Natur bezeichnet und als den Gegenstand des menschlichen Entdeckens charakterisiert. Der Philosoph John Searle nennt diese Dinge, deren Existenz und die ihrer Eigenschaften unabhängig vom Menschen ist, „naturimmanent“. Beispiele für weitere naturimmanente Tatsachen sind, dass H2O bei 100 Grad Celsius siedet oder dass die Entfernung von der Erde zum Mond 384.400 km beträgt. Selbst, wenn es nie ein erkennendes Wesen wie den Menschen auf Erden gegeben hätte, wäre dies unverändert wahr. Für unseren Zusammenhang ist bemerkenswert, dass die Natur in einem gewissen Sinne robust ist, nämlich als sich ihre immanenten Tatsachen nicht in der gesuchten Weise verflüssigen und in eine neue Form bringen lassen.

Diejenigen Tatsachen der Welt, die nur relativ dazu existieren, wie wir als Erfinder, Designer, Beobachter und Benutzer zu ihnen stehen, gehören in den Bereich des Kulturellen. Sie sind die im eigentlichen, radikalen Sinne veränderbaren Elemente, auf die wir uns konzentrieren müssen. Ein erster Schritt in den Bereich des Kulturellen ist getan, sobald wir anfangen, die natürlich vorgefundenen Dinge der Welt zweckdienlich zu manipulieren und zielorientiert zu gebrauchen. Ein Stein kann als Türstopper oder Briefbeschwerer eingesetzt werden, ein Baumstamm als Stuhl dienen und so weiter. In diesen Fällen setzen wir die Dinge ein, um mit ihrer Hilfe ein gewähltes Ziel zu verfolgen oder einen gewünschten Zweck zu erreichen. Searle nennt diese Operationen „Verwendungsfunktionen“, weil wir die natürlichen Eigenschaften der Dinge ausnutzen, um im Gebrauch von uns auferlegte Funktionen zu realisieren wie das Sitzen auf einem Stuhl oder das Beschweren von Briefpapier. Indem wir Fachkompetenzen im Sinne planvoll-zielstrebigen Handelns, zweckdienliche Verfahren und gegenständliche Artefakte mit Werkzeugcharakter entwickeln, beginnen wir, die äußere Welt instrumentell umzugestalten, um selbstgestellte Aufgaben erfolgreich zu lösen.

Je komplexer die Welt kulturell überformt wird, desto mehr Konflikte können zwischen zugewiesenen Funktionen entstehen. Auf einem Stuhl soll man nicht nur sitzen können, man soll es dabei möglichst bequem haben. Und gleichzeitig soll der Stuhl ästhetischen Ansprüchen genügen, muss aber auch bezahlbar sein und so weiter. Dabei ist natürlich keinesfalls garantiert, dass Funktionen auch tatsächlich wie beabsichtigt von den Dingen erfüllt werden, die wir dafür vorsehen. Wenn ein Stuhl unbequem, hässlich oder unerschwinglich ist, heißt das, dass er gemessen an unseren Ansprüchen nicht oder nur schlecht funktioniert. Sprich: Er erfüllt nicht seinen Sinn. Wir sehen also: Um die Art und Weise zu verändern, wie die Welt funktioniert, müssen wir das System unserer Zwecke, Ziele und Werte so verändern, dass den Dingen eine neue Bedeutung zugewiesen wird.

„Um die Art und Weise zu verändern, wie die Welt funktioniert, müssen wir das System unserer Zwecke, Ziele und Werte so verändern, dass den Dingen eine neue Bedeutung zugewiesen wird.”

6. Sinnstiftung

Dimensionen menschlicher Sinnstiftung beschränken sich dabei nicht auf den engen Kreis derjenigen Funktionen, die bloß Kraft ihrer physikalischen oder chemischen Eigenschaften verrichtet werden können. Dass wir einen Baumstamm als Stuhl und einen Stein als Briefbeschwerer verwenden können, ist eine erste Dimension, in der sich die allgemeine Mechanik neuer Sinnstiftung zeigt. In einem wirklich radikalen Sinn schöpferisch wird Sinngebung aber erst in Dimensionen, in denen die zugewiesene Bedeutung nicht mehr an die natürlichen Eigenschaften der Dinge gebunden ist. Dass etwa ein bestimmtes Stück Papier als Zahlungsmittel, eine bestimmte verbale Äußerung als Eheschließung und eine bestimmte Handlung als Vertragsschluss gelten können, ist einzig und allein auf der Basis zwischenmenschlicher Kooperation, namentlich in den spezifischen Formen der kollektiven Übereinkunft möglich, die Dingen, Äußerungen und Tätigkeiten einen wechselseitig anerkannten symbolischen Status zuweist.

Dabei lässt sich nicht nur Dingen und Ereignissen, sondern auch Personen ein neuer Status zuschreiben, indem wir ihnen in einem System von Zwecken, Zielen und Werten bestimmte Rollen auferlegen. So erfüllen Lehrer, Polizisten oder Bänker in den verschiedenen Praktiken einer Gesellschaft je unterschiedliche Funktionen. In einer sozialen Rolle bündeln sich normative Verhaltenserwartungen, die sich aus dem ihr zufallenden Status aus Rechten, Pflichten, Berechtigungen und so weiter ergeben, sowie allgemeine Erwartungen hinsichtlich bestimmter Einstellungen und Ziele, die sich den Rolleninhabern typischerweise zuschreiben lassen. Zu betonen ist dabei der charakteristische Doppelcharakter generalisierter Verhaltenserwartungen: Zum einen erlauben diese den Beteiligten nämlich wechselseitig, prognostisch auf das zu erwartende Verhalten der Anderen schließen zu können (und zwar selbst dann noch, wenn diese Erwartungen im Einzelfall enttäuscht werden). Zum anderen ist mit ihnen ein normativer Erwartungsdruck verbunden, der sich unmittelbar aus den reziprok zugewiesenen Rollenverpflichtungen ergibt. Die normativen Rollenerwartungen können in dem Maße als sozial generalisiert gelten, als zwischen den Mitgliedern eines Praxiszusammenhangs hinreichende Einigkeit über die jeweiligen Rollenbilder besteht.

Bei jeder Praxis handelt es sich um einen systematischen Zusammenhang normierter Handlungsmuster, die mittels sozialer Rollen relativ stabile Erwartungsstrukturen zwischen den Akteuren etablieren, um damit eine gewisse Erwartungssicherheit hinsichtlich des Umgangs mit den relevanten Tatsachen herzustellen. Ob ein bestimmtes Verhalten als Vollzug einer speziellen Rollenhandlung zählt, hängt nicht alleine von der gelungenen Ausübung bestimmter Tätigkeiten ab, sondern von ihrer intersubjektiven Geltung im Kontext einer entsprechenden Gemeinschaft.

„Ob ein bestimmtes Verhalten als Vollzug einer speziellen Rollenhandlung zählt, hängt nicht alleine von der gelungenen Ausübung bestimmter Tätigkeiten ab, sondern von ihrer intersubjektiven Geltung im Kontext einer entsprechenden Gemeinschaft.”

Das heißt: Praktiken stellen überindividuelle Bedingungen gelingender Interaktion dar, deren faktisch bestehende Strukturen bestimmte Handlungsmuster nahelegen oder sogar erst ermöglichen. Ein beliebiger Akteur wird im Rahmen einer Praxis in weiten Teilen genauso handeln wie alle anderen an seiner Stelle. Dasselbe Handlungsmuster könnte grundsätzlich von jedem Teilnehmer in derselben Position ausgeführt werden. Die für die Leistung einer bestimmten Praxis charakteristischen Strukturen erhalten sich so typischerweise auch über den Wechsel der an ihnen zeitweise beteiligten Akteure hinaus.

Zwischenmenschliche Praktiken sind über ein spezifisches Regelsystem intern normativ strukturiert. Dieses Regelsystem gibt der entsprechenden Aktivität ihre charakteristische Form. So wird beispielsweise in der Praxis des Fußballspielens festgelegt, welche Handlungsabläufe als „Foul“ gelten, welche als „ein Tor schießen“ und so weiter. Damit ist der Ermöglichungscharakter angesprochen, den Praktiken besitzen. Soziale Normen regulieren nicht nur Tätigkeiten, die bereits unabhängig von uns existieren. Sie konstituieren mitunter auch ganz neue (soziale) Tatsachen, die es ohne sie nicht gäbe. In solchen Fällen sind die Regeln gegenüber den einzelnen Bestandteilen einer entsprechenden Tatsache „logisch vorrangig“. Das bedeutet, dass sich diese Tatsachen ohne Bezug auf die entsprechenden Regeln überhaupt nicht verstehen und erläutern lassen.

Durch die kollektive Anerkennung dieser Regeln werden soziale Tatsachen geschaffen, die ohne ihre regelmäßige Befolgung schlicht nicht existieren würden, mehr noch: die aus der fortdauernden kollektiven Akzeptanz dieser Regeln ihre ganze praktische Wirksamkeit ziehen. Mit Searle gesprochen: Ein X gilt in einem Kontext K genau darum als ein Y, weil eine kritische Menge von Betroffenen dies akzeptiert und auf dieser Grundlage gemeinsam handelt.

Wie wir gesehen haben, kann der bedeutungstragende Y-Status dabei einer ganzen Reihe unterschiedlicher Phänomene zugewiesen werden, die in einer sozialen Praxis in systematischen Beziehungen miteinander interagieren. So verleihen wir den Dingen mithilfe konstitutiver Regeln einen (neuen) Sinn: beim Menschen z.B. als Lehrer, Polizisten oder Bänker; bei Gegenständen z.B. als Geldscheine, Eintrittskarten oder Zeugnisse; und bei Ereignissen z.B. als Prüfungen, Hochzeiten oder Überweisungen. An einer Praxis teilzunehmen und die dazugehörigen Tatsachen korrekt als soundso bestimmte zu behandeln, bedeutet, ihren konstitutiven Regeln zu folgen.

Es liegt auf der Hand, dass die Situationsdeutungen verschiedener Akteure hinreichend überlappen müssen, um diese Formen praxisförmiger Interaktion zu ermöglichen. Damit sich die erwarteten Handlungsmuster dauerhaft stabilisieren, müssen alle Beteiligten die Situationen und ihnen zugehörige Handlungsoptionen hinreichend ähnlich auffassen, weil intersubjektive Verhaltensnormen sonst nicht dazu in der Lage wären, über größere Zeiträume hinweg aufeinander abgestimmte Interaktionen zu koordinieren. Nehmen wir drei unterschiedliche Kontexte, in denen man sich jeweils in einer Publikumssituation befindet: ein Fußballspiel, eine kirchliche Andacht und ein Musikkonzert. Um zu wissen, ob zu jubeln, in feierlicher Stille zu lauschen oder begeistert zu applaudieren ist, muss man wissen, in welchem dieser drei Kontexte man sich aktuell befindet. Man muss über eine hinreichend eindeutige Situationsdeutung verfügen, die sich wiederum ausreichend mit jenen der anderen Teilnehmer deckt.

Soziale Interaktionssysteme beruhen somit auf und (re-)produzieren im Vollzug symbolische Strukturen gemeinsamen Wissens zwischen ihren Mitgliedern. Sie stiften und speisen sich aus symbolisch-sinnhafte(n) Strukturen einer wechselseitig geteilten Kultur. Diese stellt damit sowohl Medium als auch Gegenstand der Auseinandersetzung um die richtige Deutung symbolträchtiger Situationen dar. In der Auseinandersetzung um die richtige Auffassung stabilisieren sich geteilte Sinnhorizonte und Deutungsschemata, die in Lernprozessen angeeignet oder verändert werden können. Die soziale Welt ist somit nicht nur normativ verfasst, sondern auch sinnhaft aufgebaut. Ihr Sinn beruht auf bedeutungstragenden Symbol- und Klassifikationssystemen, die zum Gegenstand interpersonaler Konflikte und Aushandlungsprozesse werden und sich so im Laufe ihrer Existenz wandeln können.

„Die soziale Welt ist somit nicht nur normativ verfasst, sondern auch sinnhaft aufgebaut. Ihr Sinn beruht auf bedeutungstragenden Symbol- und Klassifikationssystemen, die zum Gegenstand interpersonaler Konflikte und Aushandlungsprozesse werden und sich so im Laufe ihrer Existenz wandeln können.”

7. Integration

In der Definition sozialer Rollen und ihrer Funktionen sedimentiert sich ein historisches Begründungsniveau der mit ihnen zugewiesenen Positionen und Ziele. Mit jeder sozial eingelebten Praxis verbindet sich damit zumindest der Anspruch, den mit ihr gesetzten Handlungsrahmen legitim zu regeln. Gesellschaften sind in diesem Sinne immer Rechtfertigungsordnungen, die alle in ihren Geltungsbereich fallende Personen einbeziehen. Denn der Aufbau der sozialen Welt ist kein Naturereignis, kein unabänderliches Faktum, nicht das Resultat einer höheren Macht, das wir zwar beklagen oder begrüßen, nicht aber verändern könnten. Praktiken sind von Menschen gemacht und müssen sich daher auch gegenüber jedem Einzelnen (den sie betreffen) rechtfertigen lassen.

Die bedeutungstragenden Symbol- und Klassifikationssysteme sind immer auch Gegenstand von Aushandlungsprozessen.
„Denn der Aufbau der sozialen Welt ist kein Naturereignis, kein unabänderliches Faktum, nicht das Resultat einer höheren Macht, das wir zwar beklagen oder begrüßen, nicht aber verändern könnten.”

Die bloße Einrichtung einer normativen Ordnung, in der allgemeine Regeln das Verhalten der Mitglieder aufeinander abstimmen sollen, ist daher nicht hinreichend, um die mit ihr gestifteten geteilten Sinnhorizonte erfolgreich zu stabilisieren. Wechselseitige Verhaltenserwartungen sind nämlich erst dann wirksam institutionalisiert, wenn Anspruch und Wirklichkeit nicht allzu oft auseinandertreten. Mit anderen Worten muss sich auch das tatsächliche Verhalten aller Betroffenen überwiegend an der vorgegebenen Struktur orientieren. Nutzen die Akteure jede günstige Gelegenheit, um im eigenen Interesse von den geltenden Regeln abzuweichen, drohen die sozialen Verhältnisse schnell zu erodieren.

Seit Émile Durkheim ist es üblich, hier von Solidarität zu sprechen, die wechselseitig zwischen den Mitgliedern einer sozialen Gruppe bestehen muss, um ihre sozialen Bindungen verlässlich zu festigen. Das im solidarischen Zusammenhalt gestiftete Wir-Bewusstsein assoziierter Gruppenmitglieder erzeugt eine soziale Bindungskraft, in der die zwischenmenschlichen Beziehungen auf Gefühlen der Zugehörigkeit und Verbundenheit gründen statt auf manifester Gewalt oder strategischer Berechnung. Jede soziale Ordnung ist auf die allgemeine Anerkennung und freiwillige Befolgung ihrer im Einzelfall häufig als persönliche Zumutung empfundenen Vorschriften angewiesen. Werden die sozialen Regeln weitgehend abgelehnt und die mit ihnen angestrebten Ziele ständig frustriert, ist dies Ausdruck einer sozialen Schieflage, in der sich das Solidaritätsgefühl und der mit ihm gestiftete soziale Zusammenhalt auflöst – die gesellschaftliche Ordnung zerfällt, das gemeinschaftliche Band reißt.

„Jede soziale Ordnung ist auf die allgemeine Anerkennung und freiwillige Befolgung ihrer im Einzelfall häufig als persönliche Zumutung empfundenen Vorschriften angewiesen.”

Ein soziales Gefüge kann daher erst in dem Maße als erfolgreich integriert gelten, als sich das überwiegende Handeln seiner Mitglieder durch eine zwangsfreie Orientierung an den Werten und Normen dieser Ordnung auszeichnet. Die Mitglieder müssen alle Motive zur Übernahme und Erfüllung der erforderlichen Aufgaben und Verpflichtungen besitzen, die intern mit ihren jeweiligen Rollen verknüpft sind. „Soziale Integration“ bezeichnet demnach einen Zustand, in dem die institutionalisierten Rollenerwartungen allgemein akzeptiert und kollektiv berücksichtigt werden. Die persönlichen Interessenlagen und individuellen Einstellungen der Akteure müssen mit den konstitutiven Regeln der sozialen Ordnung in einer Weise harmonieren, dass eine motivationale Bereitschaft zu normkonformen Handeln erzeugt wird.

Dass konstitutive Regeln die erforderliche sozial verbindliche Kraft besitzen, das heißt, dass sie tatsächlich kollektiv wirksame Orientierungsmuster für das Handeln von Praxisteilnehmern darstellen, kann mithin nicht bloß „auf empirische Regelmäßigkeit zurückgeführt werden. Sie hängt vielmehr von intersubjektiver Geltung, d.h. von dem Umstand ab, dass a) Subjekte, die ihr Verhalten an Regeln orientieren, von diesen abweichen und b) ihr abweichendes Verhalten als Regelverstoß kritisieren können”[5]. Fügt man dieser Feststellung die bisherigen Einsichten hinzu, zeichnet sich gelungene Integration idealtypisch dadurch aus, dass hinreichend viele Praxisteilnehmer die Normen und Werte der Ordnung akzeptieren und als handlungsleitend behandeln sowie voneinander wissen, dass dies der Fall ist. Eine in diesem Sinne als legitim angesehene normative Ordnung verleiht ihr in den Augen der Angehörigen einen Status rechtmäßiger Autorität und sichert ihr so die erforderliche (Massen-)Loyalität gegenüber ihren Regeln sowie wechselseitige Solidarität zwischen ihren Mitgliedern.

Legitimität, Loyalität und Solidarität erweisen sich als die drei zentralen Säulen, die eine normativ integrierte Sozialordnung auszeichnen.

8. Epilog

Wir haben jetzt einiges über die Mechanismen gelernt, mit denen die Gesellschaft Bedeutungen konstruiert und damit neuen Sinn stiftet. Die meisten Dinge unserer Lebenswelt wirken lange wie stabile Fixpunkte, an denen wir uns verlässlich orientieren können, bis sie eines Tages nicht mehr so funktionieren, wie wir das gerne möchten, und von neuen, besseren Dingen übertroffen werden. Auch wenn es manchmal so aussieht, als würden Politik und Großkonzerne diese Entwicklung von oben steuern, verläuft der Prozess neuer Sinnstiftung dabei im Kern doch immer Bottom-up. Natürlich braucht es auch Visionäre und Pioniere. Doch muss jede disruptive Idee genug Anziehungskraft entwickeln, um das Gros der Leute mitzureißen.

Die Digitalisierung gibt uns gerade innovative Werkzeuge an die Hand, um einen Großteil der tradierten Gegebenheiten neu zu justieren. Mit unserem hier skizzierten Wissen über das Wesen der veränderbaren Elemente und die Kräfte, die Veränderungen bewirken, können wir hoffentlich besser entscheiden, wie wir zukünftig bessere Lösungen und Produkte gestalten wollen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, welches Rätsel in meinen Augen steht, wenn ich meinen Sohn in dreißig Jahren fragend ansehe und die Welt nicht mehr verstehe.

Fußnoten

  1. Vgl. u.a. Bunz, Mercedes: Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen, Berlin 2011; Floridi, Luciano: The 4th Revolution. How the Infosphere is Reshaping Human Reality, Oxford 2014; Stadler, Felix: Kultur der Digitalität, Berlin 2016; Behrendt, Hauke; Süpple, Steffen: An der Wiege des Homo Digitalis. Die digitale Transformation gestalten. Herausgegeben von Intuity Media Lab, Stuttgart 2017, URL; Ramge, Thomas: Mensch und Maschine. Wie künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern, Stuttgart 2018. zurück
  2. Vgl. Floridi, Luciano: The 4th Revolution. Kap. 4. zurück
  3. Vgl. O’Reilly, Tim: WTF?: What’s the Future and Why It’s Up to Us, New York 2017, S. 10ff. zurück
  4. Vgl. auch für das Folgende Searle, John: Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zur Ontologie sozialer Tatsachen, Frankfurt a.M. 1992, Kap. 1. zurück
  5. Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns, Band 2: Zur Kritik der funktionalen Vernunft, vierte, durchgesehene Auflage, Frankfurt a.M. 1987, S. 33. zurück

Über den Author

Hauke Behrendt ist promovierter Philosoph und Akademischer Rat am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart.